Abseits unserer Arbeit begegnet uns allen immer wieder Interessantes, Nachdenkenswertes aber auch Skuriles. Was uns davon am besten gefällt wollen wir Ihnen nicht vorenthalten.

 

 
 

aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 20.04.2003 (Nils Minkmar)

Verdammt in alle Ewigkeit

In der Zeitschleife gefangen: Wie das Fernsehen vom schnellen Medium zum Museum wurde

Hellmut Lange im Tatort "Der Schläfer", Treat Williams als Berger tanzend in "Hair", Interviews von Gero von Boehm und die ausführlichen Moderationen von Frank Elstner aus Stuttgart - so sieht es aus, wenn man zu Ostern durch die deutschen Fernsehprogramme zappt. Alles keine schlechten Sendungen, man fragt sich bloß, welches Datum wir schreiben. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Start scheint das deutsche Fernsehen endlich seine gesellschaftliche Funktion gefunden zu haben: Es entschleunigt die Gegenwart.

Das hatte man sich anders gedacht. Was hatten die Medienexperten nicht für gruselige Warnungen geäußert, als es Ende der achtziger Jahre ernst wurde mit dem Privatfernsehen, mit der Verkabelung der Haushalte, als die Satellitenschüsseln die Balkone und Dächer der Armen im Lande eroberten und die ersten Set-Top-Boxen ausprobiert wurden: Auf Hunderten von Kanälen wurden die Anbieter in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf ihre Programme abfeuern, stets darum bemüht, dem Zuschauer den härteren, abgefahreneren Kick zu bieten, sich gegenseitig in Experimenten und Entgrenzungen überbietend, schauderhaft, schonungslos und vor allem: schnell. In diesem Punkt waren sich alle Medienprognostiker der vergangenen Jahrzehnte wenigstens einig: Das neue Fernsehzeitalter würde nicht nur global, divers und schrecklich unübersichtlich sein, es würde vor allem eine neue Zeiterfahrung der Zuschauer begründen, eine unheimliche globale Simultaneität, die sämtliche lokale Eigenheiten wie beispielsweise konfessionell gebundene Feiertage nivellieren würde.

Doch die Prognosen gingen oft noch einen Schritt weiter, in Richtung Science-fiction: Im Konkur-renzkampf würden ruchlose Medienproduzenten schon bald versuchen, Ereignissen vorzugreifen, und womöglich mit Regierungen,Stars oder Verbrechern konspirieren, Dinge mit ihnen aushecken, um ja als erste darüber berichten zu können. Schneller als die Gegenwart sein zu wollen, das unterstellte man den als newssüchtig geltenden Fernsehmachern, und das war dann auch der Stoff vieler Filme der neunziger Jahre, vom vorletzten James Bond bis zu "Wag the Dog", oder Romane wie Josef Haslingers "Opernball".

Heute läßt sich eine andere Bilanz der medialen Entwicklung ziehen. Es gibt schnelle Medien. Das Internet zählt dazu, aber auch die traditionellen Nachrichtenagenturen und vor allem das Radio. Bloß das Fernsehen, das geht einen anderen Weg, und zwar den der "Teletubbies", einem auch deswegen so bemerkenswerten Format, weil es das Wesen des Mediums so treffend erkannt und reduziert hat. Wie heißt es da nach jedem Einspielfilm? "Noch mal!"- und dann wird dieser Film noch mal gezeigt.

Dieses regressiv anmutende, aber dem Prozeß des Lernens auch adäquate Wiederholen bildet heute die fundamentale Struktur des Fernsehprogramms. Das gilt selbst dort, wo es den Ruf hat, gnadenlos schnell und flüchtig zu sein, bei den "Breaking News" von CNN. Taucht etwa, wie vergangenen Freitag, neues Bildmaterial von Saddam auf, wird es einmal gezeigt, sofort im Anschluß wird es wiederholt und kommentiert, dann wird es wieder ohne Kommentar gesendet und dann wieder mit; später, in den Nachrichtensendungen, wird es wieder und wieder gezeigt und kommentiert, bis das fremde Bild dem Zuschauer endlich vertraut scheint, bis er sich seinen Reim darauf gemacht hat. Das hat auch einen unerwünschten, perversen Nebeneffekt: Nicht wenige Zuschauer fangen an, nach der x-ten Wiederholung an der Authentizität des Gesehenen zu zweifeln. Je öfter und je deutlicher ein Ereignis zu sehen ist, desto wilder wuchern auch die Verschwörungstheorien.

Besonders deutlich wird das regressive, tröstliche Prinzip der permanenten, überzeitlichen Wiederholung aber in den Unterhaltungsformaten. Selbst die aktuellste, avantgardistischste Unterhaltungssendung, die Harald Schmidt Show, ist formal eine wenig veränderte Kopie der "Tonight Show", die von Johnny Carson schon in den späten fünfziger Jahren so entwickelt wurde, und ihr Clou, die spezifische Schmidtsche Eigenleistung, ist die rituelle und genußvoll zelebrierte Entschleunigung des Sendungsablaufs durch Kartenspiele und Butterbrotschmieren.

Über weite Strecken vor allem des Nachmittagsprogramms fungiert das Fernsehen als Archiv und Museum in einem. "Was bin ich?" läuft mit neuem Team auf Kabel 1, Volksmusiksendungen gibt es seit Anbeginn des Fernsehens, sie sind ewig und laufen immer, und es ist immer dieselbe Sendung, eine Parade aus Blechmusik und Schnürbundhosen. "Familienduell" und "Herzblatt" sind ebenso unsterblich und unermüdlich. Eine neue Version von "Spiel ohne Grenzen" wurde erst unlängst angekündigt.
 

Bild R. Carell
Ewiges "Herzblatt": Von Carell...
 
Bild J. Pilawa
...zu Jörg Pilawa
 

Wiederholungen sind billiger als neue Produktionen, insofern paßt die regressive Entwicklung des Mediums auch ökonomisch in die Krisenzeit, aber sie wäre nicht möglich ohne den tiefen Wunsch der Zuschauer, vom Neuen zumindest zu Hause vor dem Fernseher weitestgehend verschont zu bleiben. Flexibilisierte Arbeitsplätze und unsichere Verhältnisse fördern die Trostbedürftigkeit und Nostalgie der Zuschauer.

Und wo der Wandel unvermeidbar ist, weil Moderatoren alt werden und sterben und neue eingestellt werden, dann soll er wenigstens nicht zu spüren sein. Die jüngeren Protagonisten der gegenwärtigen Fernsehlandschaft, Günther Jauch, Johannes B. Kerner, Reinhold Beckmann, strengen sich nach Kräften an, durch häufige, besser noch durch permanente Moderation in wenigen Jahren dieselbe Patina anzusetzen, den gleichen Schimmer von harmloser Kompetenz und Vertrautheit auszustrahlen wie Frank Elstner nach über zwanzig Jahren. Neue Sendungstypen wie "Big Brother" oder die Quizshows werden augenblicklich vervielfältigt, kopiert und wiederholt, so daß sie in Rekordzeit alt aussehen. Es.könnte soweit kommen, daß die Zeit im Sinne von unwiederbringlicher Aktualität im Fernsehprogramm ganz überwunden wird. Auch hier sind die "Teletubbies" leuchtendes Vorbild: Die Produktion neuer Folgen wurde zu dem Zeitpunkt eingestellt, als es genau 365 Folgen gab. Jeden Tag kann man eine zeigen, dann ist das Jahr um, und es geht wieder von vorne los.

   
 

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.01.2003 (Stefan Niggemeier)

Die lieben Kollegen

Das Bonner Institut Medien Tenor verbringt seine Zeit damit, Medieninhalte in Schubladen zu sortieren und dann über deren Inhalte zu staunen. Diesmal enthüllt es nach Analyse von 19 866 Beiträgen, daß in amerikanischen TV-Nachrichten fast nur amerikanische Politiker vorkommen. Wer hätte das gedacht? Mit großem Abstand am häufigsten genannt wurde - George Bush! Und der am zweithäufigsten genannte "Politiker"? Usama bin Ladin. Jetzt sind wir gespannt, wie der in den Medientenor-Top-Ten der Videokünstler, Entertainer und Superstars abschnitt. Und ob es auch eine Hitparade für "Terroristen" gibt.

   
 

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.01.2003 (Stefan Niggemeier)

Die lieben Kollegen

Der MDR teilt mit, daß seine Sendungen im Ersten in den letzten Tagen von 34,25 Millionen Zuschauern eingeschaltet wurden. Ist das toll? Gut, es war keine einzelne Sendung, sondern es waren fünf: zwei Serien, ein Film, eine Volksmusikshow, ein Tatort, was halt zufällig so lief, zusammengezahlt. Aus unerfindlichen Gründen verzichtete der MDR darauf, auch die Marktanteile zu addieren, obwohl das die eindrucksvolle (und auch nicht sinnlosere) Einschaltquote von 103,3 Prozent ergeben hätte.

Aber merke: Keine Pressemitteilung ist so dumm wie die Journalisten. Eine Stunde später verbreitete dpa den "Erfolg" als Meldung.

   
 

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.02.2002

Video

Gut geglotzt: Die Videobranche in Deutschland hat im vergangenen Jahr erstmals mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt. Verkauf und Verleih von DVDs und VHS-Kassetten brachten 1,146 Milliarden Euro ein, 22,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Rekordsteigerung um 139 Prozent auf 406,7 Millionen Euro verzeichnete der Absatz der DVDs. Damit überholten die digitalen Bild-Ton-Träger die VHS-Kassetten.

   
 

aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.10.2001

ALLE TAGE

„Wow-TV" gibt es nicht mehr. Die fröhliche Sendung auf Neun Live, bei der 100 Mark gewinnen konnte, wer anrief und den Namen seines Haustieres nannte oder alternativ den Namen des Haustieres eines Bekannten oder irgendeinen Namen, den ein Haustier haben könnte, was keine leichte Aufgabe war, weil man statistisch gesehen mehrere hundert Mal eine teure Nummer anrufen mußte, bevor man durchgestellt wurde, ohne daß einem entweder das Ohr blutete oder das Gehirn auslief, weil parallel der Moderator minutenlang frei zum Thema „Haustiere und ihre Namen" assoziierte, diese Sendung also wurde eingestellt. „Das Sekundenquiz", die Sendung mit den dümmsten Moderatoren der Welt, auch. „News nach neun" kommt nur noch mittags als „News nach zwölf", was nicht bloß für den Stabreim schlecht ist, und „Flash, die Castingshow" wochenends statt täglich.

Es klingt nicht, als wäre der kleine Fernsehmüllsender von Christiane zu Salm sehr erfolgreich. Inzwischen nähern sich die Zahl der Zuschauer und die des verschlissenen Führungspersonals einander - aus unterschiedlichen Richtungen.

Vielleicht waren die ausgemusterten Billigsendungen noch zu teuer. Darauf deuten die Ersatzserien hin: „Love Boat", eine 25 Jahre alte Traumschiff-Variante, mit der Sat.1 schon in den ersten Sendewochen seinen Ruf ruinierte. „Mallorca", eine von glücklicheren Pro-Sieben-Mitarbeitern erfolgreich verdrängte Seifenoper, die sich zu ordentlichen Soaps verhält wie Neun Live zu einem richtigen Fernsehsender. Und „Mash". In den Werbepausen meldet sich eine Art Moderator und fragt etwa: Hielt' der Captain gerade eine Waffe oder ein aufblasbares Riesenrhinozeros? Oft ruft keiner an.

Deshalb sind womöglich auch die Billigserien noch zu teuer. Nächstes Jahr läuft auf Neun Live das Testbild, unterbrochen von einem Praktikanten, der fragt, welche Farbe der dritte Balken von rechts hatte. Es wäre ein Fortschritt.